Der aktuelle UNICEF-Bericht zeigt, wie stark die Chancen von Kindern vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Die Bundestagsabgeordnete Anja Reinalter (Grüne) schreibt in einem Gastbeitrag über die Folgen.
Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Trotzdem landet unser Land beim Kindeswohl nur auf Platz 25 von 37 wohlhabenden Staaten. Besonders alarmierend ist das Abschneiden im Bildungsbereich. Vier von zehn Jugendlichen erreichen grundlegende Mindeststandards in Lesen und Mathematik nicht. Bei Kindern aus armen Familien schafft das oft nicht einmal jeder Zweite. Bei privilegierten Jugendlichen dagegen fast alle.
Ungenutzte Talente
Diese Zahlen zeigen, wie früh sich soziale Ungleichheit verfestigt. Hinter den Zahlen stehen reale Biografien, ungenutzte Talente und Familien, die sich sorgen, ob ihre Kinder die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
Es ist nicht hinnehmbar, dass ein reiches Land wie Deutschland soziale Herkunft noch immer so stark vererbt. Wer Ungleichheit wirksam bekämpfen will, muss Bildungspolitik endlich als die wichtigste Säule sozialer Gerechtigkeitspolitik verstehen. Dafür braucht es jetzt eine echte nationale Bildungsoffensive.
Früh ansetzen
Entscheidend ist, früh anzusetzen. Gute frühkindliche Bildung ist der wichtigste Hebel für Chancengerechtigkeit. Baden-Württemberg zeigt mit einem künftig verpflichtenden letzten Kita-Jahr und verbindlicher Sprachförderung, wie frühe Unterstützung gelingen kann
Gerade Kinder, die mehrsprachig aufwachsen oder in Familien leben, in denen Deutsch nicht Alltagssprache ist, brauchen frühe und verlässliche Sprachförderung. Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Deshalb muss Bundesbildungsministerin Karin Prien jetzt endlich einen Gesetzentwurf zur Qualitätsentwicklung in Kitas vorlegen. Der Bund muss dauerhaft stärker investieren.
Wichtiges Startchancen-Programm
Gleichzeitig müssen Mittel gezielt dort ankommen, wo der Bedarf am größten ist. Kinder in Armut brauchen mehr Unterstützung und bessere Förderung. Es reicht nicht mehr, Geld nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen.
Genau deshalb war das Startchancen-Programm ein wichtiger Paradigmenwechsel. Zusätzliche Unterstützung muss dort ankommen, wo die Herausforderungen am größten sind. Jetzt braucht es den nächsten Schritt. Startchancen muss auch auf Kitas ausgeweitet werden.
Auch Ganztagsangebote verbessern Bildungschancen und entlasten Familien. Gerade beim Ausbau und bei den Betriebskosten brauchen Kommunen mehr Unterstützung durch den Bund. Viele Kinder und Jugendliche stehen unter enormem Druck. Psychische Belastungen und Zukunftsängste wirken sich unmittelbar auf das Lernen aus.
Familien unterstützen
Deshalb brauchen Schulen multiprofessionelle Teams. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Sprachförderung und Elternarbeit dürfen kein Zusatzangebot sein. Wer Kinder stärken will, muss auch Familien unterstützen.
Deutschland braucht endlich eine nationale Bildungsstrategie mit klaren und messbaren Zielen. Mehr Kinder müssen sichere Basiskompetenzen erreichen. Schulabbrüche müssen reduziert und Übergänge zwischen Kita, Schule und Ausbildung verbessert werden. Dass inzwischen mehr als 64.000 junge Menschen pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen, zeigt den Ernst der Lage.
Bildungspolitik ist längst auch Wirtschafts- und Fachkräftepolitik. Ein Land, das über Fachkräftemangel klagt, kann es sich nicht leisten, jedes Jahr zehntausende junge Menschen ohne Abschluss zurückzulassen.
Nicht an Kindern sparen
Deshalb braucht es eine stärker datengestützte und evidenzbasierte Bildungsentwicklung. Wenn wir genauer wissen, wo und warum Kinder den Anschluss verlieren und welche Maßnahmen wirken, können Mittel gezielter eingesetzt werden.
Wenn Kinder früh erleben, dass Chancen ungleich verteilt sind, verliert am Ende auch die Demokratie Vertrauen. Jedes Kind muss die Chance haben, seinen eigenen Weg zu gehen – unabhängig vom Einkommen oder Bildungsabschluss der Eltern.
Denn wer bei Kindern spart, spart an der Zukunft Deutschlands.
Bundestagsabgeordnete schlägt Alarm: Kinder brauchen mehr Hilfe!
Der aktuelle UNICEF-Bericht zeigt, wie stark die Chancen von Kindern vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Die Bundestagsabgeordnete Anja Reinalter (Grüne) schreibt in einem Gastbeitrag über die Folgen.